Diese Seite dient dem Andenken zweier Opfer des Nationalsozialismus aus Norddeich (Dithmarschen), deren Geschichte fast in Vergessenheit geriet:

dem des Landarbeiters August Dunklau (1895-1944), der den Kriegsdienst verweigerte und dessen Name bis heute auf dem Ehrenmal der Gemeinde Norddeich für die Gefallenen (sic!) verzeichnet ist, und seines Bruders Heinrich Dunklau (1900-1941), der ins KZ Sachsenhausen kam (als "Asozialer") und später in Pirna-Sonnenstein vergast wurde.

Wenn Sie automatisiert über neue Beiträge auf diesem Blog per Email informiert werden möchten, tragen Sie hier ihre Email-Adresse ein (mit "submit" bestätigen):

Feed

Donnerstag, 28. Februar 2013

Die "Sonderbehandlung 14f13" im Zeugnis von KZ-Überlebenden

Über die Vorbereitungen und den Ablauf der sogenannten „S“-Transporte (S = Sonderbehandlung), gibt es von Überlebenden des KZ Sachsenhausen, detaillierte Aussagen:
Harry Naujoks (1901-1983), war von 1936 bis 1942 im Lager inhalftiert und von 1939 bis zu seiner Verlegung ins KZ Flossenbürg „Lagerältester“. In seinen Erinnerungen an diese Zeit (Harry Naujoks: „Mein Leben im KZ Sachsenhausen. 1936 - 1942. Erinnerungen des ehemaligen Lagerältesten“, Berlin: Dietz Verlag 1989), widmet er den Transporten ein eigenes Kapitel (S. 247-250).   
Naujoks beschreibt darin, wie im April 1941 eine Ärztekommission das Lager besucht habe und im Krankenbau des Lagers 300 bis 350 Häftlinge untersucht habe. Es wurde den Untersuchten, darunter auch Gesunden, die eine Krankheit simuliert hatten, erzählt, sie würden zu leichteren Arbeiten in die „Kräutergarten“ nach Dachau verlegt. Nach dem Ende der Untersuchung blieb eine Liste mit knapp 300 Personen übrig.
Naujoks schreibt in der Rückschau, wie sich das Schicksal der darauf befindlichen Personen abzuzeichnen begann:

Ende Mai erschienen Oberscharführer [Willi] Eilers und ein anderer SS-Mann aus der politischen Abteilung in der Häftlingsschreibstube. Sie jagten die am Karteitisch beschäftigten Häftlinge hinaus und fingen an, anhand einer mitgebrachten Namensliste Karteikarten auszusortieren. Als sie damit den Raum verlassen wollten, stellte sich ihnen Lagerschreiber Rudi Grosse in den Weg und verlangte eine Quittung über die entnommenen Karteikarten, da er für den Bestand der Kartei verantwortlich sei. Er erntete aber nur Gelächter der SS-Leute, und sein Anruf beim Rapportführer [Hermann] Campe unbrachte ihm einen schweren Anpfiff ein.“ (S. 248), 

Auch den Ablauf des Abtransport beschreibt Naujoks:

Am 3. Juni 1941 [tatsächlich: 4. Juni 1941 (Anm. d. Verf.)] wurden für den Morgen des nächsten Tages 95 Häftlinge in den Krankenbau beordert. [...] Am nächsten Morgen fährt ein Lastwagen, mit einer Persenning überzogen, vor und bleibt in der Toreinfahrt stehen. Die 95 Häftlinge kommen aus dem Krankenbau und werden auf dem Wagen verstaut. Die Persenning wird festgezurrt. Der SS-Fahrer Fliegerbauer und der SS-Blockführer Meier, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, besteigen die Fahrerkabine, und der Wagen fährt ohne Umstände los. Am 5. Juni geht dasselbe noch einmal so vor sich, diesmal sind es 89 Häftlinge.“ (S. 248)

Unter den Häftlingen ist auch Siegbert Martin Fränkel, jüdischer Buchhändler aus Berlin (1883-1941). Naujoks ordnet ihn in seiner Erinnerung fälschlicherweise dem letzten Transport vom 7. Juni 1941 zu, obwohl er laut Liste auch am 5. Juni abtransportiert wurde. Er berichtet von seiner letzten Unterhaltung mit ihm im Krankenbau kurz vor der Abfahrt, wo man den Häftlingen eine Spitze verabreicht und Fränkel sein Schicksal bereits vorausahnte:

‚Na, was sagst du jetzt?‘ meint er. Ich will ihn trösten und antworte: ‚In dem neuen Lager kann es vielleicht besser sein als hier.‘ Er erwidert: ‚Ich werde bald mehr wissen als du, wenn ich hinter den schwarzen Vorhang getreten bin.‘ Ich wende ein: ‚Du mußt nicht gleich so schwarz sehen!‘ Er deutet mit dem Kopf zu Tisch des Arztes [Dr. Joseph Hattler (1912-1944 (gef.))]. Als ich nicht begreife, was er mir klarmachen will, sagt er: ‚Achte doch mal drauf. Die Einstichstelle wird nicht mit Alkohol abgerieben. Die Flüssigkeitsmenge wird unkontrolliert gegeben. Mit derselben Kanüle spritzt er alle Mann. Ohne sie zu erneuern. Es ist ganz klar, man behandelt uns wie Todeskandidaten.‘“ (S. 249)

Die Rückkehr des Lastwagens offenbart auch den im Lager Verbliebenen schließlich das Ergebnis des Transports:

Der Lastwagen, der die Transporte befördert hat, bringt die Hinterlassenschaft der Häftlinge noch am 7. Juni zurück [...]: Prothesen, Bruchbänder, Stöcke, Zahnprothesen, Brillen, Hörgeräte. Wer das gesehen hatte, wußte Bescheid.“ (S. 250)

Emil Büge (1890-1950 (Suizid)), dem es während seiner von 1939 bis 1943 dauernden Haft im KZ Sachsenhausen gelang, auf 1470 Notizzetteln heimlich zeitnah seine Beobachtungen der NS-Verbrechen zu notieren und auch Unterlagen der Lagerverwaltung zu kopieren, beschreibt in seinem im Sommer 1945 zusammengestellten und der Amerikanischen Verwaltung übergebenen Bericht die Durchführung des „Kommando S“ folgendermaßen:

Im Lager wird mit der Zusammenstellung eines Kommando ‚S‘ begonnen. Zunächst weiß niemand, was ‚S‘ zu bedeuten hat, doch da auch niemand der SS eine humanitäre Geste zutraut, sind sich die meisten Häftlinge bald darüber einig, dass es sich nur um eine neu ersonnene Gemeinheit handeln kann, und diese Annahme wird dann auch durch die Ereignisse bestätigt. Für das Kommando ‚S‘ werden solche Häftling ausgesucht, die kaum noch zur Arbeit gehen, ja, arbeitsunfähig sind, also ‚Muselmänner‘ - Körperschwache, aber auch ‚asoziale Elemente‘ wie Handwerksburschen, Trinker, Zuhälter etc. sowie Amputierte usw., eben Leute, denen man jedes Recht zum Weiterleben abspricht. Der größte Teil sind Kranke aus dem Revier, und den Rest holt man sich aus den Blocks. Anfang Juni 1941 geht der erste Transport ab nach Sonnenstein im Regierungsbezirk Erfurt. Ein SS-Beamter, der als Begleiter mitfährt, sagt nachher zu einem anderen, dass er bis Pirna/Sachsen gefahren sei. Im Juni 1941 gehen mit Kommando ‚S‘ 269 und 34, zusammen also 303 Häftlinge ab, von denen nach einigen Tagen die ‚Requisiten‘, welche sie im Jenseits nicht mehr gebrauchen können, wie künstliche Glieder, Gebisse, Glasaugen, Brustbeutel, Geldbeutel etc. wieder bei der Lager-Effektenkammer eintreffen. Ja - und welche Todesart hat man ihnen zugedacht? Den Gastod oder die Spritze, genau kann ich dies nicht angeben, neige aber erstgenannten Annahme zu, weil sich das Gerücht verbreitet, dass jetzt in Deutschland überall solche Gaskammern an bestimmten Plätzen eingerichtet würden, um durch sie das ganze Reich von jedem ‚Ausschuss" frei zu machen. Auch das KZ Sachsenhausen-Oranienburg soll schon bald damit versehen werden.“ 
(Emil Büge: „1470 KZ-Geheimnisse. Heimliche Aufzeichnungen aus der Politischen Abteilung des KZ Sachsenhausen Dezember 1939 bis April 1943.“, Berlin: Metropol 2010, S. 212.)

Der Büge-Bericht schildert dieselbe Unklarheit über die Todesart der Ermordeten, wie Naujoks Erinnerungen. Daß die den Häftlingen vor der Abfahrt unkontrolliert gespritzte Flüssigkeit zumindest den Zweck hatte, die Gefangenen für den mehrere Stunden dauernden und nur mit 2 Personen (Fahrer und Bewacher) besetzten Transport gänzlich fluchtunfähig zu machen, liegt nahe. Offenbar handelte es sich bei der unbekannten Substanz um ein stark lähmendes Mittel, das in der verabreichten Menge aber auch tödliche Wirkung hatte. 
So jedenfalls klingt es im dritten Bericht, des überlebenden Rudolf Wunderlich (1912-1988), der noch während des Krieges kurz nach seiner Flucht aus dem Lager im Untergrund entstand (vgl. Rudolf Wunderlich; Joachim S. Hohmann: „Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg 1939 bis 1944. Die Aufzeichnungen des KZ-Häftlings Rudolf Wunderlich.“, Frankfurt am Main: Lang Verlag 1997).

Daß viele der geschwächten Gefangenen schon während des Transport gestorben waren, dürfte wahrscheinlich sein. Der Rest dürfte in die Gaskammer gekommen sein. Die nationalsozialistische Bürokratie bemühte sich durch exakte Planung auch der Verschleierungsmaßnahmen ihre Morde geheimzuhalten. Ob es möglich ist, daß ein Teil der Leichen nicht im Sonnensteiner Krematorium, sondern in den Einrichtungen des Friedhofs Güterfelde verbrannt wurde, so wie es Bestattungsunterlagen für einige der im Juni 1941 getöteten aus dem Mai 1942 nahelegen, oder ob auch dies nur eine bürokratische Verschleierung war und ihre Asche im Massengrab am Sonnenstein ruht, ist noch nicht geklärt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen